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[2018] Warum Arbeiten mit VR?

Ich beschäftige mich schon seit längerem mit der Relation des Betrachters zum Objekt. VR ist hier besonders interessant, weil die Wahrnehmung des Betrachters, anders als bei der Installation, durch die Immersion (das Eintauchen in eine Situation) eine neue Qualität bekommt. Der Besucher erlebt die "Installation", weil er in der virtuellen Umgebung, zugegeben eingeschränkt, sich bewegen und navigieren kann. Zugleich sollte ihm, durch die Einschränkung auf Sehen und Hören, zumindest im Unterbewusstsein, klar sein, dass er sich in einer komplett künstlichen Welt befindet³. Die meisten VR-Arbeiten, die ich kenne, versuchen ein möglichst realistisches, an der Realwelt orientiertes Environment zu schaffen, das nur durch wenige Elemente gebrochen wird. In meinen Szenen hingegen versuche ich, eine Umwelt zu erschaffen, die beim Besucher den Eindruck erwecken soll, als bewege er sich in einem Modell. Als sei er oder sie geschrumpft und bewege sich in einem Architektur- oder Landschaftsmodell. Dieser Modellcharakter, der sich bemüht, die Realität mit dem Beschränktheit des Materials abzubilden, ist die Qualität, die ich in der VR-Umgebung zu gestalten versuche. Die Szenarien sind entfernt von Real, allenfalls Erinnerungen an Gesehenes. Der Besucher bleibt betachtender und nicht teilnehmender Beobachter und findet in der Reflektion neue Aspekte seiner Wahrnehmung.

Bilder mit Flächenlicht (Backlit color transparency pictures)

Wieso Bilder, die von hinten beleuchtet werden können?

Es gibt mir die Möglichkeit, von ein und demselben Bild zwei unterschiedliche Sichten zu präsentieren. Die Bilder verändern sich je nach Beleuchtungssituation. Das gleiche Motiv zeigt sich ganz unterschiedlich. Für mich gibt es keine bevorzugte Beleuchtungsart; beide sind gleich wichtig. Die Bilder sollen nicht in dunklen Ecken die Rolle attraktiver Eyecatcher spielen. Es soll auch nicht der Eindruck entstehen, dass bei Durchlicht wie bei einer Röntgenaufnahme eine 'tiefere Wahrheit' sichtbar werden würde.

[2018] Wellenbrecher

Die Bilder bedienen sich ebenfalls des Hintergrundlichts. Die Motive zeigen im durchleuchteten Zustand Informationen, die aus dem Zustand ohne Hintergrundlicht nicht erfahrbar sind sind. Die Motive zeigen imaginäre Querschnitte von Wellenbrechern, Hafen- oder Uferbefestigungen, Molen oder Flutwehren.

[2010] Habitate

Was bestimmt die Motivwahl?

Werden Personen in Bildern gezeigt, nehmen sie fast immer eine Pose ein. Dieses Einnehmen der Pose kann bewußt, unbewußt und von außen gesteuert sein. Die Umgebung oder Situation, in der sich das abspielt, gibt weitere Auskünfte, wie das Bild gedacht werden soll¹. Die Bilder der Habitat-Serie zeigen Umgebungen und ihre typischen Bewohner. Eine weitere Dimension ergibt sich durch das Zitieren von Gemälden. Eine eindeutige Interpretation soll zugunsten unterschiedlicher Sichtweisen unterlaufen werden.

Warum Serien eines Motivs?

Der Wunsch der Dargestellten im Habitat "Wie will ich wahrgenommen werden" kann viele Konotationen haben. Ist dieser Wunsch erfüllt oder nicht erfüllt; fällt Wahrnehmung mit Erwartung zusammen? Beeinflusst die unterschiedliche Darstellung des gleichen Motivs diesen Vorgang? Aus diesem Grund gibt es nicht nur unterschiedliche Lichtsituationen, in denen sich das Bild präsentiert, sondern bei bestimmten Motiven auch mehrere Varianten des Motivs.

[2007] So Nah

Mich interessieren Situationen, in denen Personen so präsentiert werden, dass sie zu einer Geschichte oder zu einem Thema passen. Ich habe Personen aus dem Umfeld Kunst, Design und Architektur ausgewählt und gemalt; die Vorbilder meiner Portraits entstammen Zeitschriften, die sich diesen Themen widmen. Wird jemand in einer dieser Zeitschriften abgebildet, so kann er sich seiner Bedeutung sicher sein. Jeder Teilnehmer, sowohl Abgebildete wie auch Fotografen waren darauf bedacht, die Rezeption des Bildes zu beeinflussen. So entstehen Bilder, die wie Stereotypen eines Berufsstands abgebildet sind, ganz ähnlich wie die Portraits von August Sander². Mir geht es nicht um eine spezifische Person, sondern um Pose und Erwartung. Das Gesicht, direktes Korrelat zur Person, ist meist nicht dargestellt oder kaum zu erkennen. Nur Pose, Kleidung und Accessoires erlauben Rückschlüsse auf den oder die Dargestellten.

[1993] Die Ameisenkönige

Fotografische Aktstudien aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – sogenannte Akademien, dienten damals als Künstlervorlagen. Auf diesen Fotos werden klassische Posen rekapituliert, darunter viele Posen mit einem der Stab. Wie lange sich die Ikonografie dieser Pose hielt, ist am Beispiel Joseph Beuys in seiner Perfomance Coyote zu sehen. In Ameisenkönige habe ich versucht, diese Pose aufzunehmen.

(1) Roland Barthes, Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Edition suhrkamp 1990
(2) August Sander, Menschen des 20. Jahrhunderts, Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur Köln
(3) Eva Schürmann, Erscheinen und Wahrnehmen. Wilhelm Fink Verlag 2000